Zusammenfassung Kapitel 11

Das Erwachen des Raums

Einleitung

In der Natur gibt es keine Unterscheidung zwischen Ornament und Funktion. Nichts kann als reines Ornament ohne Funktion identifiziert werden und umgekehrt existiert kein System, das als funktional bezeichnet werden kann und nicht auch Schönheit (im ornamentalen, dekorativen Sinn) aufweist. Traditionelle Bauten weisen diese Einheit von Ornament und Funktion, wie wir sie auch in der Natur finden, häufig auf. Zeitgenössische Bauten betonen dagegen die Unterscheidung zwischen den beiden. Die Architektur unserer Zeit hat in dieser Hinsicht weitestgehend versagt. Funktion wurde als rein mechanistisches Konzept angesehen und Ornamente galten als oberflächliche und stilistische Konzepte. Diese Unterscheidung von Ornament und Funktion ist nach Alexander eines der Symptome des Niedergangs der Architektur. In diesem Kapitel präsentiert er eine einzige Idee die beides umfasst, welches wir als Ornament und Funktion zu trennen gelernt haben.

Ornament und Funktion

Die Kluft zwischen Ornament und Funktion in der Architektur hielt beinahe das gesamte 20. Jahrhundert hindurch an. Die beiden Kategorien Funktion und Schönheit, Ornament und Funktion konnten nicht verschmolzen werden. Aber die Beschreibung von Ordnung, wie sie Alexander in diesem Buch beschrieben hat, lässt eine Vereinigung der beiden auseinander gebrochenen Hälften zu. Schönheit und Funktion werden hier als ein einziges, ununterbrochenes Ganzes verstanden.

Funktion, wie die Ganzheit selbst, basiert auf Zentren. Funktion ist lediglich der dynamische Aspekt dieser Ganzheit. Statisch betrachtet besteht eine Struktur aus verschiedenen Zentren (mit einer bestimmten Ausprägung zum Zeitpunkt X). Mit dem Leben kommt die Dynamik: die Zentren verhalten sich zu der Welt, interagieren mit ihr. Somit erscheinen und verschwinden die verschiedenen Zentren in ihrer Auseinandersetzung mit der Welt. Der Fluss dieser sich verändernden Zentren ist ein Prozess, den wir Leben nennen.

Der Prozess den wir „Funktion“ nennen, ist ein Prozess bei dem das statisches System harmonisiert mit dem dynamischen System von Zentren (=“Leben“). Ein Beispiel von Autos auf einer Straße mag dies verdeutlichen: die statische Straße hamonisiert (oder auch nicht) mit dem dynamischen System der fahrenden, parkenden oder stehenden Autos. Wenn das Straßensystem (mit seinen eigenen geometrischen Zentren) mit dem PKW-System in Harmonie ist, sprechen wir von einem funktionalen System. Die Form (= geometrische Struktur, hier die Straße) und Funktion (das Verhalten dieser Struktur, bzw. das Verhalten, das durch diese Form erlaubt ist) sind somit eins. Dies Verhältnis kann nur durch den Begriff der lebendigen Struktur beschrieben werden.

Die Einheit von Ornament und Funktion

Die fünfzehn Lebenseigenschaften, das Zentrenfeld und die Ganzheit determinieren das Aussehen eines schönes Gebäudes. Insgesamt meint Alexander, dass das funktionelle Leben eines Gebäudes durch den selben Zentren-Feldeffekt erschaffen wird, wie die Form eines Gebäudes. Jedes funktionale Problem wird durch die Kooperation zwischen (oder Integration von) Zentren gelöst. In einem Gebäude entfaltet sich diese Integration dynamisch während seiner Nutzung.

Entgegen dem mechanistischem Weltbild (Descartes), entwirft Alexander ein holistisches Bild, in dem jedes Zentrum – verstanden als ein Stückchen Geometrie im Raum – alle anderen Zentren beeinflusst und verändert. Die Ganzheit ist ein physikalisches System, in dem sich verschiedene Zentren, durch den geometrischen Feldeffekt, gegenseitig verändern. Was wir Ornament und was wir Funktion nennen sind einfach zwei Versionen eines generelleren Phänomens.

Als Beispiele für die Vereinigung von Ornament und Funktion führt Alexander u.a. Shaker Räume und Mobiliar auf.

(Vergl. für diesen Abschnitt Buch 1, S. 404 – 425).

Leben als ein Attribut von Raum und Materie

Die Architektur die Alexander in den Büchern zwei und drei beschreiben wird, basiert auf einem Weltkonzept, in dem alles Leben in sich trägt: die Luft die wir atmen, der Beton auf dem wir gehen – alles ist lebendig, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß.

Die Aufgabe von Architekten, Bauherren und Bürgern ist es, die Struktur des Raumes mit Leben zu füllen. Dies ist nicht nur eine poetische Beschreibung, sondern dahinter steht eine völlig neue physikalische Auffassung der Welt. Alexander gibt zu, dass sehr schwierig ist, sich bildlich vorzustellen, dass Raum und Materie lebendig sind. An einer vollständige Erklärung dieser Idee wird Alexander sich erst in Buch vier („The Luminous Ground“) versuchen. Zum Ende dieses Kapitels soll es genügen, mit einer vagen Idee dieses Konzepts weiterzuarbeiten. Alexander schlägt vor, das Erscheinen von Leben im Raum mit einer Art von Erwachen zu vergleichen. So als ob der Raum selbst erwacht. Es ist dieses Erwachen des Raumes das wir in unterschiedlichem Ausmaß in einem lebendigen Gebäude, in der Natur, in einem Kunstwerk oder auch in einem Lächeln wieder erkennen.

Denis Diderot

Im Gegensatz zum Weltbild Descartes, der Raum als abstraktes und neutrales Medium versteht, formulierte der französische Philosoph Denis Diderot (1713-1784) eine völlig andere Welt-Hypothese, die der von Alexander entspricht: Materie und Raum weisen demnach unterschiedliche Ausprägungen von Leben auf. Mit dieser Hypothese von Diderot lassen sich die uns umgebenden Phänomene weitaus besser verstehen, als mit der Annahme, die Welt sei eine neutrale Maschine. Wie kann der mechanistische Ansatz nach Descartes den Duft einer Blume, die Farben eines Vogels, die Schönheit eines Sonnenuntergangs erklären?

Der Raum selbst trägt die Attribute des Lebens in sich

Alexander gibt in diesem Kapitel verschiedene Fallbeispiele (Aufbau eines Wohnzimmers, Anlage eines Dorfes, Shaker-Möbel oder ein einfacher Nagel) um zu illustrieren, dass jedwedes Leben ein Produkt interagierender Zentren ist. Ein Zentrum verstanden als fokussierter Bereich im Raum, wo dieser zum Leben erweckt wird. Jedes Gebäude hat die Möglichkeit die Intensität des Lebens, das im Raum existiert, zu intensivieren.

Wenn jedes Ding, jeder Gegenstand, Leben durch sein Zentrenfeld erhält, und wenn die primäre Wechselbeziehung zwischen Zentren die des gegenseitigen Helfens ist, indem sie sich gegenseitig aufbauen und sich so konsolidieren, dann gibt es keinen Unterschied zwischen dem, was wir gemeinhin Form nennen und dem was wir als Ornament bezeichnen.

Wenn wir das Konzept des Zentrenfeldes richtig verstehen, dann begreifen wir das Universum als aus potentiell lebendiger Materie gemacht. Jedes sich enthaltene Zentrenfeld ist ein Teil des Universums welches an dieser Stelle kraftvoll zum Leben erwacht. Und in diesem Entstehungsprozess wird das Universum durch eben diesen Prozess „geschmückt“, bekommt Form. Nach diesem Verständnis haben eine Blume, ein Fluss oder ein Mensch alle das gleiche Potential. Sie alle können danach bewertet werden, inwiefern sie, als Resultat hier Erschaffung, das Licht des Universums durchscheinen lassen.

Im bekannten mechanistischen Denken identifizieren wir bestimmte Bedürfnisse oder Funktionen und erstellen dann ein Design, das diesen Bedürfnisse gerecht werden soll. Dem liegt die Trennung von Geometrie (Form) und Funktion zugrunde. Im Denken von Alexander aber, sind Raum und Funktion, Funktion und Geometrie nicht voneinander zu trennen. Es gibt nur – in verschiedenen Abstufungen – lebendigen Raum.

Alexander gibt verschiedene Beispiele (eine Wiese, eine japanische Fliese), um diesen Punkt und die Rolle der Zentren zu verdeutlichen. Hier greife ich kurz sein Beispiel des menschlichen Fußes auf: Der Fuß ist ein Zentrum. Als Zentrum wird er lebendig durch seine Hilfe für den gesamten Organismus. Diese Lebendigkeit als Zentrum entsteht dadurch, dass der Fuß dabei hilft, das gesamte Leben einer Person (als ein größeres Zentrum) zu erschaffen. Es gilt also:

  1. Jedes Zentrum erhält seine Lebendigkeit durch die Tatsache, dass es ein größeres Zentrum unterstützt und belebt.
  2. Dadurch erhalten Zentren ihren Wert.

Dieses rekursive Wesen der Zentren veranschaulicht Alexander wiederum an verschiedenen Beispielen, wie einem Fischteich, einem Eingangsbereich oder einem japanischen Tempel. Er fasst zusammen: Das Leben ist ein, im Raum stattfindender, rekursiver Effekt. Die gegenseitige Intensivierung von Leben durch Leben. Das Zentrenfeld, das Zentren kraft ihrer puren Geometrie intensiviert, erschafft durch diese helfenden Aktionen Leben im geometrischen Feld / im Raum.

Das Erwachen des Raumes

Nach Alexander entsteht Leben also als eine Konsequenz aus der Struktur des Raumes. Ihrem Wesen nach ist dies eine uralte Auffassung. Das Neue daran ist nur, dass sie in einer Form erklärt und verstanden wird, die mit wissenschaftlichem Denken konsistent ist. In der modernen Physik wurde eine ähnliche Idee von Eugene Wigner vorgestellt. Auch im Buddhismus und bei der indigenen Bevölkerung Amerikas finden sich entsprechende Vorstellungen. Des Weiteren nennt Alexander Francis Cook und den japanischen Biologen Kinki Imanishi. Und auch Alfred North Whiteheads Denken und Schreiben durchzieht diese Vorstellung.

Nach dieser Auffassung weist jeder Teil der Welt Leben auf. Nach Whitehead gibt es nichts, das nicht jedenfalls etwas Leben in sich trägt. Die Möglichkeit des Lebens ist sozusagen materie-immanent. Es handelt sich somit nicht um zufälligen Prozess, im Zuge einer sich immer höher organisierenden Materie. Es liegt gerade in der Natur der Ordnung von Materie, lebendig zu sein.

Um dies richtig zu verstehen, müssen wir ausdrücklich anerkennen, dass jedes Zentrum ein Samenkorn, ein Funke des Lebens im Raumgefüge ist. Auf geradezu animistische Art ist ein Zentrum ein Punkt, in dem der Raum zum Leben erwacht – und alle Funktionen, jedwedes Ornament, alle Ordnung entsteht, indem das Zentrum lebendig wird. Diese potentielle Existenz ist dem Raum selbst inhärent.

Diese Auffassung von Leben ist unvereinbar mit dem mechanistischem Weltbild von Descartes. Aber selbst wenn wir sie an dieser Stelle akzeptieren, so ist diese Idee doch noch schwer zu verstehen. Was genau ist dieses „Leben“ das potentiell im Raum existiert? Was ist das Leben eines Zentrums, welches sich dann vervielfacht und erblüht in Gestalt von Gebäuden? In den Büchern zwei, drei und vier wird Alexander diese Vorstellung von „Leben“ näher untersuchen.

Alexander gibt an dieser Stelle einen Ausblick auf den Inhalt von Buch vier: wir müssen das Erwachen des Raums als ein Maß für die Dimension, in dem ein Zentrum dem menschlichen „Ich“ oder Selbst in Verbindung steht, verstehen. Seine Erfahrungen mit diesem Prozess kann Alexander nur schwer erklären. Zudem geht er davon aus, dass seine geschilderte Auffassung vom lebendigen Raum viele Menschen, die im engen kartesianischen Weltbild verhaftet sind, eher peinlich berührt.

Es gilt den Raum als ein Material zu verstehen, dass die Möglichkeit des Erwachens in sich trägt. Dies wird Alexander in seinen weiteren Ausführungen als den „Grund“ (im Original „the ground“) bezeichnen. Dieser „Grund“ ist dabei das Ewas im Gefüge des Raums, das fähig ist, zu erwachen. Wir können es uns konzeptionell als etwas vorstellen, das hinter dem Raum liegt. Oder im Raum. Oder unter dem Raum. Oder wir stellen es uns als den Raum selbst vor – den Raum dabei als etwas unmessbar Tiefes begreifend. Eine Vorstellung, die mit dem 20. Jahrhundert-Physik-Denken nicht vereinbar ist.

(Vergl. S. 425 – 439)

Fazit

Das Schema, das Alexander bis hierher präsentiert hat, startet mit dem Konzept der im Raum existierenden Ganzheit. Hinzu kommt die Idee der Zentren und der Art und Weise, wie sie einander helfen. Dies mündet in der Idee der lebendigen Struktur mit den detaillierten Ausführungen zu den 15 Lebenseigenschaften. Die Beobachtung, dass diese Struktur allgegenwärtig in der Natur und in allen zutiefst zufriedenstellenden menschengemachten Dingen ist, rundet das Schema ab.

Dies begründet eine vollständige und kohärente intellektuelle Grundlage, auf der eine vernünftige (im Original „sensible“) Architektur errichtet werden kann.

Alexanders Argument: die Existenz von Ganzheit ist etwas Reales in der Welt, ob wir es sehen wollen oder nicht. Es ist eine im Raum existierende mathematische Struktur. Alexanders ganzheitliche Sicht auf den Raum resultiert aus einer sorgfältigen Beobachtung der existierenden Phänomene. Sie ist empirisch und sachlich und überprüfbar.

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