Zusammenfassung Kapitel 10

In diesem Kapitel untersucht Alexander die Auswirkungen der lebendigen Struktur (Definition Vergl. Kap. 1-4) auf unser Leben.

Es steht außer Zweifel, dass die physische Welt und dabei besonders die Welt der Gebäude in denen wir den Großteil unserer Lebenszeit verbringen, einen enormen Effekt auf uns hat. Unser Glück, unsere Zukunft, unsere Fähigkeit zu leben sind grundlegend mit der Präsens oder eben Abwesenheit von lebendiger Struktur um uns herum verbunden. Alexander wird im folgenden zeigen, wie die Interaktion zwischen Gebäuden und Menschen funktioniert.

Wie beeinflusst uns die Welt?

„We shape our buildings; and they shape us.“

Winston Churchill

Wir formen unsere Häuser; und sie formen uns – aber wie geschieht dies? Alexander wird in diesem Kapitel argumentieren, dass die Geometrie der physischen Welt – ihr Raum – den größten möglichen Einfluss auf uns Menschen hat. Und zwar auf die wichtigste menschliche Qualität überhaupt, unsere innere Freiheit, die Freiheit des Geistes.

Eine physische Umgebung mit lebendiger Struktur nährt die geistige Freiheit des Menschen. Umgekehrt führt das Fehlen von lebendiger Struktur zur Schwächung oder gar Zerstörung der inneren Freiheit.

Wie sehen nun solche Lebenswelten, in denen wir diese Freiheit fühlen, aus? Sie bestehen aus lebendigen Zentren, welche die funktionalen Bedingungen aus Kapitel 7 erfüllen, den Spiegel des Selbst Test bestehen und die fünfzehn Lebenseigenschaften aufweisen. Unsere emotionale Freiheit, unser Geist wird genährt und unterstützt von solchen physischen Umgebungen, die selbst lebendig sind. In einer strukturell lebendigen Umgebung ist es einfacher für uns, Lebendigkeit zu erfahren, lebendig zu sein.

Freiheit des Geistes

Kann es wirklich sein, dass etwas so schwer fassbares wie Freiheit tatsächlich mit der Gestaltung unserer Umgebung zusammen hängt? Ist es wirklich möglich, dass etwas Grobes wie die Form von Wänden, Fenstern und Straßen einen Effekt auf etwas so subtiles wie Freiheit haben kann? Alexander meint ja und vergleicht diesen Einfluss mit dem der Spurenelemente in unserem Körper. Bekannterweise haben Spurenelemente und auch Vitamine einen großen, disproportionalen Effekt auf die Gesundheit des menschlichen Körpers. In ähnlicher Weise hat die Geometrie unserer Umgebung einen spurenelementartigen Einfluss auf unser emotionales, soziales, spirituelles und physisches Wohlbefinden.

Die menschliche Fähigkeit Probleme zu lösen, sich weiterzuentwickeln, anderen zu helfen, zu lieben, zu genießen, sich zu begeistern, ist in jedem von uns vorhanden. Jedoch braucht dieses Vermögen Raum um sich entfalten zu können, muss gleichsam freigesetzt werden. Der Mensch muss schlicht in der Lage sein, sich auf diese Dinge konzentrieren zu können. Es braucht einen ruhigen Geist dazu. Dieser wird aber all zu oft durch sowohl physische wie mentale Konflikte gestört. Solche schädigenden externen Einflüsse können viele Formen annehmen: da sind offensichtliche Störungen wir Hunger, Krankheit oder akute Bedrohungen. Des Weiteren ungesunde soziale Milieus, wie eine dysfunktionale Familie. Schon weniger offensichtlich aber genauso schädigend wirken sich Konflikte am Arbeitsplatz, Geldsorgen oder Familienprobleme aus. Solange diese Sorgen nicht geklärt sind, verhindern sie unser gesundes Funktionieren im oben beschriebenen Sinne. Noch weniger offensichtlich Punkte, aber mit ähnlichem, wenn auch abgeschwächtem Effekt, sind Störungen wie ein drückender Schuh, eine unbedachte, verletzende Bemerkung, Kopfweh oder gar der Laubbläser, der seit Stunden draußen Krach macht. All diese eher subtilen Probleme behindern uns in der Auslebung all unserer guten Fähigkeiten. Sie fressen so viel Energie, beanspruchen so viel Aufmerksamkeit, dass es sehr schwer ist, sich über diese Probleme zu erheben.

Freiheit und Verlust von Freiheit

Menschliche Freiheit kann dort am besten dort umgesetzt werden, wo jede Person so lebendig wie möglich sein kann. Eine Umgebung in der jede Person ihr eigenes menschliches Potential voll entwickeln kann. Mit dem Psychologen Max Wertheimer definiert Alexander Freiheit als die Fähigkeit eines Menschen, auf jegliche gegebene Umstände angemessen reagieren zu können. Verlust vom Freiheit ist mithin der Verlust dieser Fähigkeit der angemessenen Reaktion. Alexander gibt an dieser Stelle verschiedene Beispiele und sagt, dass viele dieser Einschränkungen aus der Umwelt und ihrer physischen Struktur herrühren. Ein Beispiel sei hier kurz aufgeführt: das Reihenhaus, wie es sich auch in Deutschland häufig findet.

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Quelle: The Nature of Order, Bd. 1, S. 375, Reihenhaus in den USA

Gegen das Reihenhaus als solches ist nichts einzuwenden. Aber die strikten Vorgaben in Zimmeraufteilung (Kochen, Schlafen, Bad) lassen kaum Raum für individuelle Entfaltung. Außerdem fehlt häufig, wie in diesem Beispiel, eine Gemeinschaftsfläche, auf der die Bewohner spontan zusammen kommen könnten. Stattdessen befinden sich in diesem Beispiel die Parkplätze vor den Häusern. Die Möglichkeiten auf sich ändernde Umstände zu jeder Zeit angemessen reagieren zu können, sind hier stark eingeschränkt. Folglich ist auch die Freiheit hier sehr stark eingeschränkt.

Das Stress Reservoir

Um den negativen Einfluss der Umgebung oder der Umwelt auf die menschliche Freiheit besser zu verstehen, befasst sich Alexander im Folgenden mit dem Phänomen Stress. Einfach ausgedrückt, verursacht jedes Ärgernis, jedes ungelöste Problem, jeder Konflikt einen bestimmten individuellen Stresslevel. Nun verfügt jede:r über ein ein Stress Reservoir, das nach und nach mit bewältigtem Stress gefüllt wird. Je voller das Reservoir, desto schlechter können wir mit neuerlichem Stress fertig werden. Hier kommen wir an den Punkt, wo wir weitere Herausforderungen als Stress, im herkömmlichen Sinne, erfahren. Der Organismus ist überladen. Es tauchen mehr Probleme auf, als gelöst werden können. Unsere Situation verschlechtert sich zusehends und wir sind immer schlechter in der Lage kreative Lösungen zu finden. Wichtig hierbei ist, dass stressende Faktoren kumulativ wirken, da alles in einer Währung, nämlich Stress, abgerechnet wird. Egal ob mich Geldsorgen plagen, der Job nervt oder ich Ärger mit den Nachbarn habe – alles zählt auf das eine Stresskonto ein. Dieser angesammelte Stress verhindert Produktivität, behindert liebevolle Beziehungen und beeinträchtigt künstlerische und intellektuelle Kreativität.

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The Nature of Order, Bd. 1, S. 376, Hochhaus in Neapel

Besonders drastisch zeigt das Beispiel eines Hochhauses, wie es überall auf der Welt zu finden ist, den negativen Einfluss den Architektur auf den Menschen haben kann. Wie, so fragt Alexander, soll eine Mutter ihren kleinen Kindern in einer solchen Umgebung gerecht werden können? Sie ist permanent im Konflikt zwischen verschiedenen Ansprüchen: den Kindern die Freiheit zu geben, draußen zu spielen, dabei gleichzeitig ein Auge auf diese zu haben, was aber nicht möglich ist aus dem  6. Stock. Also müsste sie die Kinder nach draußen begleiten. Da sie aber auch die Wäsche machen, das Essen kochen, und aufräumen muss, hat sie dafür allenfalls begrenzt Zeit. Geht sie mit den Kindern nach unten, bleibt die Hausarbeit liegen. Lässt sie die Kinder in der Wohnung, werden diese unweigerlich quengelig. Diese Form des Wohnens schafft also spezifische Probleme, die das Stress Reservoir der Mutter (und auch der Kinder) unweigerlich füllen werden. 

Trennung von der Realität

Je dichter unser Stressreservoir an der Grenze zum Überlaufen ist, desto mehr sind wir von Problemen umgeben, die es uns unmöglich machen unserem eigentlichen Streben nachzugehen. Wir kämpfen. Aber die Trennung von der Erfahrung, Probleme erfolgreich gelöst zu haben, Herausforderungen gemeistert zu haben und dadurch frei zu geworden zu sein – diese Trennung von jedweder Realität untergräbt unsere Bemühungen dauerhaft. Jede noch so kleine Stresserfahrung füllt unser Stressreservoir und formt damit eine Welt, die soweit von menschlichen Alltagsereignissen entfernt ist, dass man fast sagen kann, eine solche Welt wurde für fiktive Menschen geschaffen. Alexander sieht diesen Zustand in dem Science-Horror-Klassiker von Jean-Lud Godard „Alphaville“ von 1965 filmisch umgesetzt. Die Menschen darin verhalten sich beinahe wie Roboter. Wer diesen Film sieht, reagiert mit einem gewissen Horror. Die Inhumanität der Umgebung und die Inhumanität die sie in uns verursacht sind nicht nur eingebildet oder literarische Fiktion. Wir fühlen diese Hoffnungslosigkeit, diese Verzweiflung in unseren Herzen. Wir alle haben sie erlebt – in leeren Bürofluren, in den hintersten Ecken einer Shopping Mall oder im leeren, lieblos eingerichtetem Hotelzimmer.

Wie eine Welt aussieht, die unser Leben bereichert statt es auszusaugen, wird im nächsten Abschnitt erläutert.

Eine bereichernde Welt

Bleiben wir bei Wertheimers Definition von Freiheit, dann ist eine lebenswerte Umgebung dadurch gekennzeichnet, dass sie die Chance auf maximale Freiheit bereithält. Eine Umgebung, die es uns erlaubt, frei zu sein. Eine solche lebendige Umgebung ermöglicht es uns, ja ermutigt uns, angemessen auf Geschehnisse zu reagieren, somit frei zu sein und eine fruchtbare Entwicklung in Gang zu setzen.

Vom Wesen und von der Struktur her ist eine solche Umgebung weit weniger geordnet als im oberflächlichen Architekten-Sinne vorstellbar. Sie gleicht eher einer Art Ursuppe mit hunderten von Spezies und einer subtilen Ordnung, zwar mit einer gewaltigen Struktur, aber oberflächlich betrachtet fast unordentlich scheinend. Diese Umgebung zeichnet sich durch eben jene lebendige Struktur aus, welche im Buch beschrieben wurde. Es ist eine hochkomplexe Struktur von Zentren, welche sich gegenseitig unterstützen und wo jedes Zentrum selbst lebendig ist.

Eine solche Umgebung befreit, sie erlaubt es mir, ich selbst zu sein. Ruhe, Leichtigkeit, Behaglichkeit stellen sich ein. Die 253 Gestaltungsmuster aus Eine Mustersprache beschreiben solche Umgebungen. Die Muster beschreiben die 253 gängigsten widerstreitenden Kräfte, die in menschlichen Umgebungen auftreten können und zeigt, welche Gestaltungsmerkmale diese Konflikte auflösen oder zumindest zähmen können. Ein Positivbeispiel für eine solche, den Menschen und seine Anlagen fördernde Umgebung, gibt Alexander mit dem Linz Café (Österreich).

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Linz Café, The Nature of Order, Bd. 1, S. 381 (oberes Bild) und S.383 (unteres Bild)

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André Kertészs Paris

Die Parisaufnahmen des Fotografen André Kertézs aus den 1930er Jahren zeigen eine Welt in der die Menschen ihr Leben voll und ganz verwirklichen konnten. Wohlgemerkt: es ist keine stressfreie Welt. Im Gegenteil, viele Aufnahmen zeigen Menschen in Armut, mit körperlichen Einschränkungen, mit vielfach erdrückenden Problemen. Und doch erkennen wir Freiheit in diesen Bildern. Sie zeigen ein intensives Leben. Die Menschen sind frei, unbenommen ihrer Belastungen und Schwierigkeiten. Sie scheinen frei in sich selbst. Und dies erkennen wir in den Fotografien von Kertézs.

Es ist keine stressfreie Welt und doch gibt es in dieser Welt Freiheit. Wie kann das sein? Weil die Strukturen der die Menschen umgebenden Welt rein sind. Rein im Sinne von befreit von Überflüssigem. Unwichtige Zentren wurde gleichsam abgeschält, bis nur noch die unerlässlichen Zentren übrigblieben. Eine solche Welt, die nur aus den wesentlichen Zentren besteht, ist uns heute fremd. Sie existiert nicht im Luxus, nicht in der Armut und auch nicht in den Weiten der durchdachten Mittelklasse-Bequemlichkeit.

Um den Geist, der durch Kertézs Aufnahmen spricht wiederzubeleben, brauchen wir eine Struktur, deren Ganzheit rein ist, leer, nur mit dem Nötigstem versehen. Ein Flussufer beispielsweise, versehen mit Bänken und Tischen, mag mir das Picknick erleichtern – aber es behindert die freie Entfaltung meiner Existenz.

Die Geometrie des Raums spielt also eine enorme Rolle dabei, ob sich tiefes menschliches Leben entwickeln kann oder nicht. Die Zentren im Raum können die Entwicklung eines freien Lebens behindern oder unterstützen. Dabei können auch Handlungen und Ereignisse geometrische verstanden werden, insofern als sie Teile einer Hierarchie von Zentren sind, die relativ ganzer und intensiver sind. Ein Beispiel mag dies veranschaulichen:

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The perfect bench, The Nature of Order, Bd. 1, S. 388

Die Ganzheit der Bank beinhaltet, den Strahlungswinkel der Sonne, die Tatsache, dass sie windgeschützt steht, die Menschen, die auf ihr sitzen und Kinder, die hinter der Bank spielen. All dies sind Zentren. Ganzheit ist mithin eine komplexe lebendige Struktur: sie wird erhalten und gestützt – oder auch nicht – durch unzählige Aspekte von unterschiedlichsten Systemen, welche den Raum, in dem die Ganzheit auftritt, umgeben und füllen.

Der Spiegel des Selbst

Die Aufnahmen von Kertész zeigen eine starke Version von lebendiger Struktur. Sie verbindet uns – sehr stark – mit uns selbst. Diese Struktur verbindet uns mit unserer Seele. Ein Grund, weshalb diese Bilder so stark im Spiegel-des-Selbst-Tests abschneiden. Dazu hier eine kleine Auswahl der Kertész-Bilder aus The Nature of Order Bd.1, S. 389 und 390:

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Um Missverständnisse zu vermeiden: das Leben in Paris, das Kertész zeigt, ist rau. Es ist hart. Aber die Menschen auf den Bildern können Stärke in sich selbst finden, so dass die frei sein können. Das Leben im Paris der 1930er Jahre erzwingt nicht die tödliche Entkörperlichung, wie sie in den Bildern weiter oben (Reihenhaus, Hochhaus in Neapel) gezeigt werden und welche diese Gebäude den Menschen auferlegen. Obwohl heute materiell besser ausgestattet und nicht von Hunger oder Krankheiten bedroht, leiden wir Menschen auch jetzt. Unsere Probleme sind aber nicht so real wie Hunger oder Obdachlosigkeit. Wir leiden unter einem Mangel an Verbindlichkeit, dem Verlust der Verbindung zu unserer Erde, unseren Mitkreaturen und letztlich zu uns selbst.

Unsere Umgebung hat also die Fähigkeit uns zu nähren – oder eben nicht. Wir Menschen sind auch lebendige Zentren und werden von anderen lebendigen Zentren um uns herum beeinflusst.

 

Dieser Text wird weiter bearbeitet und vervollständigt.

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