Zusammenfassung Kapitel 9

Jenseits von Descartes: Eine neue Form wissenschaftlicher Beobachtung

Die von Alexander beschriebene „Ganzheit“ lässt sich mit dem mechanistischen Weltbild nicht „sehen“. Er sieht den Raum als eine lebendige Einheit (Gesamtheit). Diese Lebendigkeit lässt sich nicht mit einer Methode erkennen, die darauf besteht, dass alles eine Maschine ist. Aber dass der Raum lebendig ist, ist eine beobachtbare Tatsache. Nur verhindert die mechanistische Beobachtungsmethode, dass wir diese Tatsache überhaupt erkennen können.

Alexanders zentrale Aussage an dieser Stelle ist, dass die von ihm  beschriebenen Gegenstände, Gebäude oder allgemeiner Sachen, genauso objektiv bewertbar, (wiederholbar, mit anderen teilbar) sind, wie es Experimente und Beobachtungen nach der bekannten Descartes´schen Methode sind. Auch seine Beobachtungsmethode bezieht sich auf Erfahrungen. Sie ist ihrem Wesen nach empirisch.

In diesem Kapitel stellt Alexander eine allgemeinere Klasse von Lebendigkeits-Tests vor, als den in Kapitel 8 beschriebenen Spiegel des Selbst Tests. Dass diese allgemeineren Tests erst jetzt in Kapitel 9 folgen, ist einfach der Tatsache geschuldet, dass Alexander das Kapitel 8 bereits geschrieben hatte, als er in den 80er Jahren herausfand, dass dieser spezielle Test nur einer aus einer ganzen Familie von vielen ähnlichen Tests ist. Zwar bleibt der Spiegel-des-Selbst-Test die fundamentale Beobachtungsmethode. Aber andere Tests sind robuster und einfacher zu gebrauchen. Für Alexander sind die folgenden Fragen die alltagstauglichsten:

„Wenn ich A und B vergleiche, welcher Gegenstand lässt mich mehr Ganzheit fühlen, welcher erlaubt mir meinem eigenen Leben am nächsten zu kommen, welcher lässt mich das Leben am tiefsten erfahren?“. Es ist nicht immer einfach, diese Fragen zu beantworten, aber im Normalfall möglich.

Das Wesen der von Alexander beschriebenen Tests ist folgendes: der Grad von Leben in einem Zentrum, in Relation zu einem anderem Zentrum, ist objektiv erkennbar. Aber um diesen Grad von Leben zu messen, lassen sich die herkömmlichen „objektiven“, wissenschaftlichen Methoden nur schwer anwenden. Stattdessen müssen wir uns selbst als Messinstrumente einsetzen. Und zwar in einem neuen Messprozess, welcher sich notwendigerweise auf den menschlichen Beobachter verlässt und auf die Beobachtungen des Beobachters von seinem/ihrem inneren Zustand. Nichtsdestotrotz ist die auf diese Art vorgenommene Messung objektiv im normalen wissenschaftlichem Sinne.

Die wesentliche Idee hinter diesem Messprozess ist der Vergleich zweier Zentren, indem wir uns fragen, welches Zentrum in uns ein größeres Gefühl von Ganzheit hervorruft. All die verschiedenen Tests / Fragen, die Alexander im Laufe der Zeit hierzu ausgearbeitet hat, laden den Beobachter ein, sein/ ihr subjektives und inneres Gefühl der Ganzheit, hervorgerufen durch ein Objekt der objektiven, äußeren Welt, zu prüfen. Mit den Ergebnissen dieser Prüfung lassen sich dann objektive Einsichten über das beobachtete System gewinnen.

Alexander veranschaulicht in diesem Kapitel die verschiedenen mögliche Tests in dem er einen Test näher beschreibt. Auch setzt er sich mit den Kritikern seiner Testmethode auseinander. Darauf gehe ich hier nicht weiter ein, da es sich um ein architekturspezifische Auseinandersetzung handelt, deren Inhalt für das Verständnis des Textes nicht relevant ist.

Die Beurteilungsmethode, die uns Christopher Alexander mit seinen Tests vorstellt, eignet sich nicht nur für allgemeine, globale Urteile (Haus A oder B ist ruft einen höheren Grad an Ganzheit in mir hervor). Weit wichtiger ist, dass wir mit dieser Methode ein Instrument zur Hand haben, mit dem wir Pläne und Entwürfe gestalten können. Sie erlaubt uns, jeden einzelnen Schritt in einem Entwurfsprozess zu untersuchen. Verschiedene mögliche nächste Schritt können in Bezug auf Leben und Ganzheit beurteilt werden. An jedem Punkt des Gestaltungsprozesses können wir so die jeweils ganzheitlichste, lebendigste Möglichkeit wählen und dann weitergehen zur nächsten Entscheidung. Der Entwurf entwickelt sich gleichsam entlang der getroffenen Entscheidungen in der tätigen Auseinandersetzung mit den jeweiligen Alternativen. Alexander spricht von „(…) evolution of a design, in action“ [1].

Anhand der Gestaltung einer Eingangssituation veranschaulicht Alexander diese Idee der Evolution eines Designs. Er baut dazu verschiedene mögliche Lösungen aus Pappkartons und beurteilt diese jeweils gemäß des vorher gewählten Kriteriums (Welche Lösung hat mehr Leben, welche weckt eine stärkeres Gefühl von Ganzheit, etc. Vergl. Spiegel des Selbst Test, Kapitel 8).

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Vergl. The Nature of Order, Bd. 1, S. 360

Indem sie einfach den Ergebnissen der wiederholten Anwendung des Entscheidungskriteriums (welche Variante erzeugt mehr Gefühl resp. lässt den Betrachter seine Seele spüren) folgten, kamen Alexander und seine Mitarbeiter Schritt für Schritt der finalen Gestaltung näher.

Diese Beurteilungsmethode ist das Rückgrat des lebendigen Prozesses, wie er in Buch zwei beschrieben werden wird. Das Kriterium für diese Beurteilung ist die vom Beobachter erfahrene Ganzheit. An dieser Stelle ist es entscheidend zu verstehen, dass das Ziel dieser Beobachtungen nicht die Beobachtung der Reaktion des Beobachtenden ist, sondern die Beobachtung des betreffenden Systems in der Welt (Anmerkung der Verfasserin: mit System ist hier beispw. ein Gebäude, ein Fluß, ein Stuhl gemeint – jegliche Objekte, die es zu beurteilen gilt). Wenn wir zwei Gebirgsflüsse vergleichen, in dem wir den Grad der Ganzheit messen, den ein Beobachter in seinem Innern erfährt, wenn er die beiden Ströme betrachtet, dann vergleichen wir die Ganzheit der Flüsse, dh. diese lebendigen Ströme selbst – und nicht die Befriedigung des Beobachters beim Betrachten der Flüsse. Die Reaktion des Beobachters ist das Maß mit dem der Grad des Lebens eines Systems objektiv bestimmt werden kann.

Dies alles ist nur möglich, wenn wir gewillt sind dieses post-kartesianisches Objektivitätskriterium zu akzeptieren.

Alexander führt an dieser Stelle aus, dass diese neue Beobachtungsform aus vorangegangenen Beispielen moderner Wissenschaft entstanden ist. Zunächst definiert er noch einmal die Ganzheit [2]:

Ganzheit ist ein System von Zentren, welche, zusammenarbeitend, die Gestalt eines bestimmten Teil des Raumes, erzeugen.

Alexander findet Vorgänger seiner Beurteilungsmethode in der Gestaltpsychologie, in den Lehren des Konfuzius und des Sokrates sowie im Buddhismus.

Noch einmal beschreibt er den Kern seiner Methode: wir sind gehalten unser inneres Gefühl, unsere Ganzheit zu registrieren. Dieses wird dann als Maß für den Grad des Lebens eines Systems in der äußeren Welt, die wir beobachten, herangezogen.

Damit ist das Gefühl ein verlässliches Messinstrument, eine Quelle objektiver Wahrheit. Diese Messmethode ist liefert die Hauptstütze für Alexanders Behauptung, dass der Grad des Lebens eine empirisch, objektiv beobachtbare Qualität in der Welt ist.

Auch wenn Alexander dieses neunte Kapitel mit „jenseits von Descartes“ überschreibt, so  verwirft er dessen Methode keinesfalls. Im Gegenteil. Er nennt die kartesianische Methode die erste Methode, welche uns erlaubt, uns über die Welt zu verständigen. Heutzutage dominiert diese erste Methode die Wissenschaft. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass der Beobachter außerhalb der Welt steht. Mit ihrer Hilfe haben wir herausgefunden, wie die Welt – im Sinne einer Maschine – funktioniert. Große wissenschaftliche Erkenntnisse wurden auf diese Weise gewonnen. Alexander bezeichnet seine oben beschriebene Herangehensweise als zweite Methode. Diese mag uns eine andere Welt eröffnen, in der wir eine zweite Existenzebene sehen, fühlen, erahnen, können. Eine Ebene jenseits des mechanistischen Weltbildes der modernen Wissenschaft und Technik. Eine Art Untermauerung der Architektur. Diese Ebene ist die Basis für unsere emotionale und spirituelle Beziehung zur Welt.

Wenn wir beide Methoden anwenden – die Methode des Descartes für die Dinge, die sich außerhalb von uns befinden und die als Maschinen darstellbar sind; und Alexanders Methode zur Beurteilung von Ganzheit – erreichen wir ein Bild von der Welt, welches das Selbst einschließt und welches uns erlaubt das persönliche [3] Wesen des Universums zu erkennen.

Vergl. zu diesem Abschnitt „The Nature of Order“ Bd.1, S. 352 – 370

 

[1] Vergl. The Nature of Order, Bd. 1, S. 360

[2] Vergl. hierzu auch Kapitel 3, Band 1

[3] „persönlich“ hier im philosophischen Sinne gemeint: in der Art einer Person existierend

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