Zusammenfassung Kapitel 8

SPIEGEL DES SELBST (MIRROR OF SELF)

Vorbemerkung der Verfasserin:

Mit diesem Kapitel betritt der durchschnittliche Leser unbekanntes Terrain. Bitte lassen Sie sich zunächst so vorbehaltlos wie möglich auf die Ausführungen ein und lassen Sie die innere Zensurschere beiseite. Schwerpunkt wird der „Spiegel des Selbst Test“ (Mirror of Self Test) sein, einem von Alexander entwickelten Test, um zwischen zwei Alternativen zu entscheiden. Er ist für das Verständnis von Alexanders Thesen elementar wichtig.

 

Einführung

In den nächsten Kapiteln wird Alexander zeigen, dass das Konzept der lebendigen Struktur notwendigerweise mit dem menschlichen Selbst verbunden ist. Das seit dreihundert Jahrhunderten vorherrschende mechanistische Weltbild hat uns von unserem Selbst getrennt. Wir haben ein Bild vom Universum als kraftvoll und scheinbar akkurat. Aber wir haben keine klare Idee, wie wir selbst in dieses Bild passen. Diese ist die bereits besprochene Bifurkation der Natur wie Whitehead sie beschrieben hat. Die Erfahrung meines Selbst, meine eigene tatsächliche Person, meine Existenz, wie ich sie tagtäglich erfahre, ist nicht Teil des „objektiven“ Weltbildes. Das bedeutet, dass ich in meinen täglichen Begegnungen mit der Welt, mit einem Weltbild vorlieb nehmen muss, dem es nicht gelingt, mich mit der Welt zu verbinden. Alexander schlägt ein neues Weltbild vor, dass die äußere, objektive Welt mit der inneren (subjektiven) Welt verbindet.

Es sei noch einmal auf das Ende von Kapitel 6 verwiesen, auf das Konzept der lebendigen Struktur. Demnach ist die Ganzheit eine Struktur und das Zentrenfeld ist die beherrschende Struktur, welche jeglicher physikalischen Realität zu Grunde liegt.

Alexander proklamiert, dass der Raum an sich die Fähigkeit hat, lebendig zu werden. Ein Zentrum ist ein, aus der materiellen Substanz des Raumes, auftauchender Punkt des Lebens. Dies ist zunächst verstörend, passt es doch nicht zu den herrschenden modernen Interpretationen der Physik. Wir sind hier an einem entscheidenden Punkt, denn die Idee, dass der Raum lebendig ist, bildet die Grundlage für die Annahme, dass Ganzheit objektiv messbar ist. Da Alexander Architekt ist, geht es ihm hier explizit um die grundlegende Annahme, dass Architektur objektiv messbar ist.

Die Beziehung zwischen der äußeren (und objektiven) Ganzheit und dem inneren (und subjektiven) Selbst ist tief verbunden mit der empirischen Methode, welche notwendig ist, um den Grad des Lebens von verschiedenen Orten oder Dingen zu bestimmen.

 

Etwas von ganzem Herzen mögen

Alexander wendet sich gegen das gegenwärtige Dogma, dass ein jeder mögen darf, was er will. Gemäß dieses Dogmas ist es Teil unserer demokratischen Freiheit zu mögen, was auch immer wir entscheiden zu mögen. Und dies in einer Zeit, in der die Massenmedien [1] unsere Vorstellungen davon, was „mögenswert“ ist und was nicht, in einem historisch nie gekannten Ausmaß gekapert haben. Man könnte also pessimistischer Weise folgern, dass es heutzutage sehr wenig authentisches Mögen gibt. Es ist häufig kein Verlass auf das, was die Menschen mögen, da es nicht von Herzen kommt.

Auf der anderen Seite, ist das wirkliche Mögen, welches von Herzen kommt, tief verbunden mit der Vorstellung, dass die Dinge lebendig sind (vergl. Ende von Kapitel 6). Etwas von Herzen zu mögen, bedeutet dass es uns „ganzer“ macht. Es hat einen heilenden Effekt auf uns. Dieses „von ganzem Herzen mögen“ ist auf alle erdenklichen Fragestellungen anwendbar; nicht nur auf Architektur oder Kunst sondern auch auf Handlungen oder Menschen, einfach auf alles.

[1] Anmerkung: diese Aussage bezieht sich auf das Jahr 2002. Heute, 2018, ist die Situation durch konstante Smartphonenutzung und Social Media noch ernster.

Vergl. zu diesem Abschnitt „The Nature of Order“ Bd.1, S. 314 – 316

 

Ein empirischer Test um den Grad des Lebens zweier verschiedener Zentren vergleichen zu können

Um objektiv zu entscheiden, welche Zentren mehr Leben und welche weniger Leben haben, brauchen wir eine experimentelle Methode, welche es den Menschen ermöglicht der Falle der subjektiven Präferenzen zu entfliehen. Eine Methode, die es ihnen ermöglicht, sich auf das wirkliche Mögen, das sie fühlen, zu konzentrieren.

Diese Methode ist der Spiegel des Selbst Test. Dazu stellt Alexander immer zwei Alternativen nebeneinander und fragt den Probanden, welche der beiden das stärkste Gefühl der Ganzheit in ihm oder ihr auslöst. Oder in anderen Worten: zu welchem Grad ist (oder ist nicht) die jeweilige Alternative ein Bild des Selbst. Und damit meint er das ganzheitliche Selbst oder vielleicht sogar das ewige Selbst. Alexander lädt uns ein, diesen Test an verschiedenen Alternativen durchzuführen. Wichtig dabei ist, dass die Frage nach dem Selbst, das ganze Selbst betrifft, mit all unseren Hoffnungen, Ängsten, Schwächen, Stärken und Absurditäten. Dieses Selbstbild sollte alles beinhalten, was wir jemals meinen sein zu können. In anderen Worten: welche Alternative ist ein ehrlicheres Bild meiner Selbst, mit all meinen Schwächen, meiner Liebe und meinem Hass, meiner Jugend und meinem Alter, dem Guten in mir und dem Schlechten, meiner Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, meinen Träumen und meiner gegenwärtigen Realität.

Diese Methode kann auf jegliche zwei Alternativen angewandt werden, deren jeweilige Grad von Leben wir vergleichen möchten. Entscheidend für diese Frage („Welche Alternative spiegelt dein Selbst besser wider?“) ist, dass wir uns der Schönheit des Potentials, das in uns steckt, bewusst werden. Bei der Wahl einer Alternative geht es darum, diejenige zu suchen, welche dieses Potential reflektiert. Darauf zielt die Frage. Sie hat dabei nichts mit Präferenzen zu tun.

Hier nun zwei Beispiele aus dem Buch. Die linke Alternative ist jeweils eher ein Bild des Selbst als die rechte.

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Zwei Tassen, Nature of Order, Bd 1, S. 321
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Zwei Löffel, Nature of Order, Bd 1, S. 320

Vergl. zu diesem Abschnitt „The Nature of Order“ Bd.1, S. 316 – 324

 

Der Spiegel des Selbst

In diesem Abschnitt veranschaulicht Alexander anhand vieler Architekturbilder seine Idee des Spiegel des Selbst Test.

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In jedem Beispiel, ist jeweils das linke ein besseres Bild des Selbst. Nature of Order, Bd 1, S. 330 und 331.

Es stellt sich heraus, dass in jedem dieser Beispiele (Alexander gibt im Buch noch eine Reihe weiterer Bildbeispiele), die Alternative, welche ein besseres Bild des Selbst darstellt, gleichzeitig diejenige ist, welche eine lebendigere Struktur, ein stärkeres Zentrenfeld aufweist. Wenn lebendige Struktur sich im Raum manifestiert, produziert sie eine Konfiguration, welche wir als unser Selbst wiederkennen.

Je intensiver das Zentrenfeld, je stärker die Zentren, desto intensiver unser Gefühl, dass diese Konfiguration (sei es ein Haus, ein Bild, eine Tasse, ein Garten)  ein Bild unseres Selbst ist.

Je lebendiger eine Struktur, desto eher spiegelt sie unser Selbst. Wichtig: die Frage „Was hat mehr Leben?“ ist nicht das gleiche wie die Frage „Was magst du lieber?“. Die Ergebnisse des Spiegel des Selbst Tests korrespondieren häufig nicht mit unserem alltäglichem Verständnis von mögen.

Vergl. zu diesem Abschnitt „The Nature of Order“ Bd.1, S. 325 – 334

 

Ganzheit und wirkliches Mögen

Wie oben erwähnt, sind unsere Vorlieben und Geschmäcker heute sehr stark durch die Massenmedien bestimmt. Erst mit dem Alter, mit zunehmender Reife lernen wir auf unser Herz zu hören und zu erkennen was wir wirklich mögen. Alexander behauptet, dass die Dinge, welche die Menschen wirklich mögen, diejenigen sind, welche die Spiegel des Selbst Eigenschaften in hohem Maße aufweisen. Mit zunehmendem Alter verlieren wir die Ängste unserer Jugend und kommen allmählich unserem Mögen bzw. Nicht-Mögen näher.

Die fünfzehn Lebenseigenschaften spielen eine enorme Rolle in der Unterscheidung zweier Alternativen. Je mehr der Eigenschaften erkennbar sind, desto mehr Leben, desto eher spiegelt das Objekt mein Selbst. Die fünfzehn Lebenseigenschaften sind also eine gute Hilfe, insbesondere, wenn annehmen, dass wir uns auf unser erstes Geschmacksurteil nur wenig verlassen können (Beeinflussung durch Moden, Trends, Meinungen, etc. Stichwort: Massenmedien, s.o.).

 

Wie wir lernen zu erkennen , was wir wirklich mögen

Der Spiegel des Selbst Test ist kein mechanischer Test, der immer richtige Antworten  oder immer Übereinstimmung produziert. Es mag Jahre dauern, den Test überhaupt richtig durchzuführen. Während dieses Prozesses ist man gezwungen, mehr und mehr über sich selbst herauszufinden. Somit wird sich auch das Verständnis über die eigene Person, durch eben diese Aufgabe den Test korrekt durchzuführen, verändern. Es handelt sich mithin um einen immens komplexen Prozess:

Wer den Spiegel des Selbst Test anwendet, findet etwas über den relativen Grad von Leben des zu bewertenden Objekts heraus und gleichzeitig über die eigene Ganzheit und das eigene Selbst.

Stück für Stück, im Laufe unserer Reifung, lernen wir zu erkennen, dass unseren Geist lediglich Teil eines größeren Etwas oder Selbst ist. Dieses größere Selbst nennt Alexander an dieser Stelle „ursprünglichen Geist“ (original mind). Je weiter dieser Prozess fortgeschritten ist, desto besser kann ich die Ganzheit eines Gebäudes (oder eines anderen Gegenstandes) erkennen und beurteilen. Nämlich indem ich mich frage, bis zu welchem Grad das Gebäude ein Bild dieses ursprünglichen Geistes ist.

Glücklicherweise, so Alexander, kommt es zu einer entgegengesetzten Interaktion, welche uns hilft dichter an den ursprünglichen Geist heranzukommen:

Indem ich den Test durchführe, indem ich den Widersprüchen und Schwierigkeiten begegne, die der Test in mir auslöst, werde ich mich allmählich von all den Meinungen und Images befreien, und letztlich zum ursprünglichen Geist durchdringen. Im Verlaufe dieses Prozesses, werden die durch Moden, Meinungen, Images beeinflussten Konzepte über mein Selbst abgeschliffen und durch eine wahrer Version meines Selbst ersetzt.

Das Leben eines Gebäudes kann also gemessen, bewertet werden. Aber die Bewertung hängt ab vom Grad der Entwicklung oder Erleuchtung des Beobachters.

 

Viele Kulturen, ein Maß

Christopher Alexander ist klar, dass seine vorgestellte Methode viele Architekten vor enorme Probleme stellte. Die Idee, dass die Wahrheit in uns selbst zu finden ist und nicht in der äußeren Welt, scheint vom empirischen Standpunkt her fragwürdig. Aber genau dies hält Alexander schlicht für die Wahrheit.

Dabei geht die Frage nach dem  Selbst bzw. nach dem Spiegel des Selbst noch tiefer. Alexander vertritt die Auffassung, dass die Menschen in allen heutigen Kulturen, ihres Erbes beraubt wurden. Nicht so sehr, weil alte Kulturen zerstört wurden. Sondern vielmehr weil die heute vorherrschende Kultur den Menschen ihr Gefühl raubt, ihr wahres Fühlen, ihr wahres Mögen. Dieses Fühlen oder Gefühl, ist etwas uns allen inhärentes, etwas geerbtes, das immer da war, aber zunehmend verschwindet.

Den Grund hierfür sieht Alexander im weltweiten Fortschreiten der geldbasierten Demokratie. Diese hat eine profunde Gleichheit kreiert, welche (zumindest bisher) auf Unwahrheit, auf einer Verneinung unseres Menschseins, basiert.

Diese Sicht der Dinge, diese Wahrheit, mag für uns, die wir mit dem mechanistischen Weltbild des 20 Jahrhunderts aufgewachsen sind, entnervend, lästig und störend sein. Aber nach Alexander beschreibt sie etwas, das einfach da ist in unserer Welt. Es eine essentielle Beschreibung der Dinge, wie sie sind.

Vergl. zu diesem Abschnitt „The Nature of Order“ Bd.1, S. 334 – 350

 

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