Zusammenfassung Kapitel 7

Wann ist etwas „persönlich“?

In unserer heutigen Weltsicht steht „persönlich“ häufig synonym für „eigen“ (oder „idiosynkratisch“) im Sinne von persönliche Eigenheiten oder Vorlieben betreffend. Christopher Alexander versteht darunter etwas anderes. Für ihn ist etwas wahrlich „persönlich“ wenn es uns in unserem Mensch-Sein berührt. Am Beispiel dieser Zeichnung verdeutlicht er seinen Gedanken:

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Skizze des Felsendoms aus einem sehr alten Handschrift. Nature of Order, Bd. 1, S. 300

Diese Zeichnung ist im alexanderschen Sinne persönlich. Sie gibt uns ein Gefühl der Verletzlichkeit, sie weckt das Kindliche in uns. Es berührt uns an einer verletzlichen Stelle. Und diese Gefühle haben nichts zu tun mit den Eigenarten des Künstlers oder den Eigenarten des Rezipienten. Diese Zeichnung spricht eine universelle Kindlichkeit an, die in uns allen existiert.

Vergl. zu diesem Abschnitt „The Nature of Order“ Bd.1, S. 300

 

Unser alltägliches persönliches Gefühl und das Zentrenfeld (Field of Centers)

Warum empfinden wir Blumen als schön? Warum sind sie liebenswert für uns? Die Idee der Ganzheit hält hierfür eine sehr gute Erklärung bereit. Eine Blume ist eines der perfektesten Zentrenfelder in der Natur. Blumen in Gruppen, sei es in einem Strauß, im Beet oder auf der Wiese, bilden ein hochkomplexes Zentrenfeld. Dieses Zentrenfeld ist tief mit unserem Innersten verbunden, es regt unsere Gefühle an, unsere Leidenschaften. Wenn dem so ist, so ist es nicht überraschend, dass eine Wiese voller Sommerblumen uns berührt und Gefühle der Tiefe, Zärtlichkeit und Sehnsucht weckt.

Christopher Alexander gibt folgende Alltagsbeispiele für Zentrenfelder:

Traditonelle Sitten und Gebräuche

Eine Vase mit Blumen

Geburtstag: festlich gedeckter Geburtstagstisch Geburtstagskuchen

Hände schütteln

Hände im Gebet

Nimmt man beispielsweise den festlich gedeckten Geburtstagstisch so lassen sich verschiedene der fünfzehn Lebenseigenschaften identifizieren. Der Tisch ist lokal symmetrisch (Eigenschaft Nr. 7) mit einer Grenze (Eigenschaft Nr. 3) und einem starken Zentrum (Eigenschaft Nr. 2). Um die Grenze zu verstärken, platzieren wir Gedecke am Rand entlang, jedes bildet wiederum selbst ein Zentrum. Das Besteck links und rechts unterstützt in seiner Symmetrie dieses Zentrum und schafft Detailreichtum an der Grenze. Um das Hauptzentrum zu markieren, stellen wir eine Blumenvase, den Kuchen oder die Kerzen in die Mitte. Sie schaffen einen Gradienten (Eigenschaft Nr. 10) zur Mitte hin. Die große Blumenvase in der Mitte des Tisches mag von zwei Kerzen flankiert werden, um ihr Zentrum zu betonen und um ihre Ränder zu formen. Auch das kleinere Zentrum, der Geburtstagskuchen, ist mit einem Kerzenring in alternierender Wiederholung (Eigenschaft Nr. 4) dekoriert. Dadurch wird wiederum die Grenze des Kuchens betont und eine Zentrenkette geschaffen, welche die Mitte des Kuchens frei lässt (Die Leere, Eigenschaft Nr. 13) für den Namen des Geburtstagskindes oder eine Verzierung.

 

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Privates Foto, das nicht alle oben beschriebenen Zentren enthält. Der Leser mag sich die weiteren, im Originaltext beschriebene Lebenseigenschaften vorstellen.

Jedes dieser Alltagsereignisse verbindet uns mit einem Ozean persönlicher Gefühle. Die Zentrenfelder geben jeder auch noch so gewöhnlichen Begebenheit eine Bedeutung.

Vergl. zu diesem Abschnitt „The Nature of Order“ Bd.1, S. 301 – 305

 

Ganzheit und Empfindung (Feeling)

In einem Ding existiert ein Zentrenfeld in dem Grad, in dem es dieses Ding ein persönliches Empfinden, ein persönliches Gefühl auslöst. Er erklärt diesen Sachverhalt anhand dieser drei Zeichnungen: (S. 306)

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Welches Blatt ist „persönlicher“? Nature of Order, Bd 1, S. 306

Auf dem rechten Stück Papier mit dem „Diamanten“ scheint sich die Welt zu bündeln, sie zentriert sich in dem Diamanten. Auf dem leeren mittleren Papier hat man dieses Gefühl nicht so intensiv, aber es passt immer noch, auf eine vernünftige, ruhige Weise, in die Welt. Es gibt immer noch ein kohärentes Zentrenfeld, eine Verbundenheit, aber längst nicht so stark wie im rechten Bild. Das linke nun erzeugt ein Gefühl der Störung, das Zentrenfeld ist inkohärent. Die übergeordnete Verbundenheit wurde gestört.

Vergl. zu diesem Abschnitt „The Nature of Order“ Bd.1, S. 305 – 308

 

Einfaches Glück

Leben ist untrennbar verbunden mit menschlichen Gefühlen. Diese Verbundenheit liegt in der Struktur des Lebens, nämlich dem Zentrenfeld begründet. Tiefe Gefühle, tiefes Empfinden sind ein Merkmal des Lebens. Die Kombination von objektiver Wahrheit die gleichzeitig persönlich ist, ist der wichtigste Aspekt der von Alexander vorgestellten neuen Struktur, der Ganzheit. Mit der Vertiefung, Intensivierung eines Zentrums, steigt auch unser persönliches Gefühl für die Struktur (die aus Zentren besteht). Christopher Alexander bringt es folgendermaßen auf den Punkt:

In der Gegenwart von Ganzheit sind wir glücklich.

Anders als die Strukturen die in der Wissenschaft verfolgt werden, welche entfernt von uns sind und nur ein mechanische Realität aufweisen, ist das Zentrenfeld ein Teil von uns. Es ist verbunden mit unserem Wesen, dem was es ausmacht, Mensch zu sein.

Ganzheit als Struktur existiert sowohl „da draußen“ als auch eine reale Einheit, die in jedem von uns, „hier drinnen“, in unserem Herzen existiert.

In diesem post-kartesischem Weltbild verstehen sich die Ganzheit der Welt und unser Gefühl des Glücks als zwei komplementäre Einheiten, die zusammen eine einzige Einheit bilden.

Vergl. zu diesem Abschnitt „The Nature of Order“ Bd.1, S. 308 – 309

 

Gefühl als ein innerer Aspekt des Lebens

Stück für Stück, im Verlauf der Bücher 1-4, breitet Christopher Alexander sein Leitmotiv aus:

Das Persönliche ist etwas, das der Natur der Ordnung und dem Universum inhärent ist.

Wichtig ist an dieser Stelle, dass Alexander seine „feelings“ (Gefühle) klar von Emotionen abgrenzt. Um letztere geht es ihm nicht. Das persönliche Gefühl, wie eben beschrieben, hat – direkt – nichts zu tun mit Traurigkeit, Wut oder Freude. Vielmehr geht es um das Gefühl, ein Teil zu sein – ein Teil des Ozeans, des Himmels, des Asphalts auf der Straße.  Daher kommt die persönliche Natur der Ordnung sowohl in der Natur als auch in Gebäuden oder Gegenständen (Artefakten) zum Vorschein.

Die wilde Brandung ist „persönlich“ im hier beschriebenen Sinne. Es ist die persönliche Materie des Universums, welche in uns ihre Form erlangt. Selbst der Schwarm Wildgänse ist persönlich – deshalb ist er so schön, so sehenswert für uns.

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Wilde Brandung. The Nature of Order, Bd. 1, S. 310
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Schwarm Wildgänse, The Nature of Order, Bd. 1, S. 311

Gefühl und Leben sind das gleiche Ding. Die Struktur, die Alexander Ganzheit nennt, ist mit einem Grund[1] verbunden ist, wo Materie persönlich wird. Wenn wir das verstanden haben, dann beginnen wir die Tiefe der revolutionären Idee der Ganzheit zu verstehen.

Vergl. zu diesem Abschnitt „The Nature of Order“ Bd.1, S. 309 – 312

[1] Im Original heißt es: (…) that the structure we call wholeness is connected with a ground where matter becomes personal (…), The Nature of Order, Bd. 1, S. 309.  Im vierten Band „The Luminous Ground“ wird dieser Gedanke vertieft.

 

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