Zusammenfassung der Kapitel 1-4

Begriffsklärungen

Bevor ich auf der nächsten Seite die fünfzehn Lebenseigenschaften nach Christopher Alexander vorstellen werde, möchte ich hier zunächst die wichtigsten Begriffe klären. Alexander führt diese in den Kapiteln 1-4 über gut 100 Seiten ein. Wer tiefergehende Erklärungen wünscht, sollte dazu unbedingt Original konsultieren.

1. Eine umfassende Definition des Begriffs „Leben“

Christopher Alexander definiert „Leben“ sehr viel umfassender als es im klassisch naturwissenschaftlichen Kontext des 20. (und 21.) Jahrhunderts üblich ist.  Im letzteren weisen lebende Systeme und Lebewesen folgende Eigenschaften auf (wobei nicht immer alle vorhanden sein müssen):

  • Fortpflanzung
  • Stoffwechsel
  • Reizempfinden
  • Bewegung
  • Regulation

Für Alexander hat jedes Ding – ungeachtet worum es sich handelt – einen bestimmten Grad von Leben. Jeder Stein, jede Dachziegel, jedes Stück Beton hat einen bestimmten Grad von Leben. Er führt weiter aus, dass ein jeder, eine jede, dieses Leben bzw. die verschiedenen Grade von Leben in den Dingen wahrnimmt – wenn auch unbewusst. Sein zentrale Hypothese lautet, dass diese Wahrnehmung der verschiedenen Grade von Leben nicht auf subjektiver sondern auf objektiver Beurteilung beruht.

Zentrale Hypothese: Jedes Ding ist in einem bestimmten Grad lebendig und diese Lebendigkeit ist objektiv messbar.

Was wir „Leben“ nennen ist ein allgemeiner Zustand, der, in verschiedenen Graden, in jedem Teil des Raumes existiert. (…) Der Schlüssel zu dieser Idee ist, dass jeder Teil des Raumes einen bestimmten Grad an Leben aufweist und dass dieser Grad an Leben klar definiert, objektiv existent und messbar ist.

Christopher Alexander, The Nature of Order, Band 1, S. 77

2. Ganzheit und Zentren

Um „Leben“ als Phänomen verstehbar zu machen, definiert Alexander den Begriff „Ganzheit“ als ein System von Elementen (Entitäten), welche, wenn sie zusammenarbeiten, die Gestalt eines bestimmten Teils des Raums hervorbringen. Wobei diese Elemente hauptsächlich in Relation zur Ganzheit existieren und ihr Verhalten und ihre Struktur durch die größere Ganzheit bestimmt werden.

Diese Elemente nennt Alexander „Zentren“, um die dingliche und räumliche Struktur dieser Einheiten zu betonen. Denn darum geht es ihm: um die Gestaltung des Raumes. Er benutzt das Wort „Zentrum“ um eine organisierte Zone im Raum zu identifizieren, zu beschreiben. Als Beispiel nennt er einen Vorhang: Denke ich an dieses Objekt als Vorhang, dann nehme ich vornehmlich den Vorhang als solchen wahr – getrennt von den Dingen drum herum. Denke ich an Vorhang als ein „Zentrum“ so ändert sich meine Sicht auf die Dinge – ich nehme den Vorhang in seiner Verbundenheit, in seiner Beziehung zur Welt wahr. Ich sehe die Welt in ihrer ganzen Verbundenheit. Zentren sind demnach Fokuspunkte in einer größeren, ununterbrochenen Ganzheit – in der Welt als Ganzheit.

Die Crux bei der Definition eines Zentrums ist, dass ein Zentrum eine Art von Entität ist, die nur durch andere Zentren definiert werden kann. Die Definition ist also rekursiv: Zentren bestehen aus Zentren. Dabei ist ein Zentrum kein Punkt, es ist vielmehr ein Feld von organisierter Kraft in einem Objekt oder Teil eines Objekts. Alexander zitiert hierzu Alan Watts, der die Idee feldartiger Zentren vorweg genommen zu haben scheint:

      Theoretically many scientists know that the individual is not a skin-encapsulated ego but an organism-envirnonment field.

Alan Watts „The Individual as Man / World“, Nachdruck in „The Subversive Science: Essays Towards an Ecology of Man“ 1969, S. 139-148

Der Kernpunkt ist folgender:

Leben existiert nur im Raum und das Wechselspiel der Zentren erweckt den Raum zum Leben.

Alexanders Begriff der „Ganzheit“ ist eine subtile Struktur, etwas das immer existent ist. Der Zusammenhang zwischen Ganzheit und Zentren ist dabei:

  • Die Zentren werden durch die sie umgebende Ganzheit hervorgerufen.
  • Zentren werden zu Zentren als Ergebnis ihrer Anordnung in der Ganzheit.
  • Die Zentren, die eine bestimmte Ganzheit hervorbringen, existieren nicht unabhängig, sondern wirken als Elemente, welche wiederum von ihrer Anordnung als Ganzheit generiert wurden.

Ganzheit ist für eine Alexander eine fundamentale Struktur mit globaler Anwendbarkeit. Diese Ganzheit, definiert als Muster von Zentren in einem bestimmten Teil des Raumes, ist nicht nur die zugrunde liegende kausale Struktur für (architektonische) Kunstwerke sondern findet sich auch auf Ebene der subatomaren Partikel, der Elektronen, wieder. Sie ist somit in allen Größenskalen zu finden und damit allgegenwärtig. Ganzheit ist eine reale „Sache“, die unter der Oberfläche des Sichtbaren liegt und alles bestimmt. (Alexander spricht hier von „thing“. Vergl. The Nature of Order, Band 1, S. 98).

Es wird deutlich, dass eine Definition der Ganzheit nach Alexander recht schwierig ist. Wie er selber sagt: „Wholeness is (…) easy to feel, perhaps, but hard to define.“ (Christopher Alexander, The Nature of Order, Band 1, S. 98).

3. Das Konzept der Lebendigen Struktur

Es gibt verschiedene Grade von Ganzheit oder Leben und zwar abhängig von der strukturellen Qualität und Anzahl der sie bildenden Zentren. Jedes Zentrum ist ein multistufiges, feldartiges Phänomen, bestehend wiederum aus anderen Zentren. Und jedes Zentrum weist einen bestimmten Grad an Leben oder Intensität auf. Alexander führt hier den Begriff der „living structure“ ein: eine Struktur, die durch die Dichte der lebendigen Zentren in einer beliebigen Ganzheit, verursacht wird. Hier zitiert er den Permakultur Begründer Bill Mollison mit dessen Beispiel der Gilden (Vergl. Bill Mollison „Handbuch der Permakultur Gestaltung“; S. 77ff.). Verschieden Spezies helfen sich gegenseitig, sie bilden eine harmonische Gemeinschaft von Arten. Oder wie Alexander es ausdrückt: Verschiedene Zentren haben einen positiven Effekt aufeinander, helfen sich gegenseitig. Die gegenseitige Hilfe erschafft Leben in der Ganzheit.

Mit diesem Konzept der lebendigen Struktur kann man in einer ganzen Reihe von verschiedensten Beispielen deren Lebendigkeit und Funktionen erklären. Es ist ein universell anwendbares Konzept.

Wie aber „macht“ man Zentren? Was macht sie lebendig? Wie hängen sie voneinander ab? Dafür hat Alexander eine Reihe von Regeln entwickelt, um die es im nächsten Teil dieser Arbeit gehen wird. Soviel kurz vorab:

Eine Ganzheit ist in dem Maß lebendig, wie ihre Zentren lebendig sind. Deren Lebendigkeit wiederum hängt von ihrer Organisation ab, genauer

  • inwiefern die Zentren sich gegenseitig helfen und
  • wie hoch die Dichte der Zentren ist.

Es gibt verschiedene Arten, wie sich die Zentren organisieren können, nämlich gemäß den  fünfzehn Lebenseigenschaften.

Quelle: The Nature of Order, Band 1, S. 28 – 142

 

 

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